Sonntag, 27. Dezember 2015

Wuppertal. Eine Stadt wartet auf den Startschuß

Kurt Gelsner: Wuppertal. Eine Stadt wartet auf den Startschuß

(entnommen aus: Die Welt. Hamburg, 5. Juli 1946)

"Eigentlich dürfen wir gar nicht", sagt der Mann mit der Maurerkelle und kneift verschmitzt ein Auge zu, "zweimal war schon einer da vom Bauamt. Hier soll eine Straße durch, eine große, breite. Soll - hat er gesagt. Und es hätte keinen Sinn hier zu mauern. Vom Soll bis zur fertigen Straße ist ein ordentliches Stück Weg. Vielleicht dauert es drei Jahre, vielleicht fünf. Na schön, dann ziehen wir eben woanders hin. Aber für drei oder fünf Jahre haben wir ein Dach überm Kopf." Der Mann rührt in seinem selbstgemachten Mörtel, klatscht ein frisches Häufchen auf die selbsterrichtete Mauer und legt einen selbstgeputzten Backstein drauf. "Fünf Jahre ein Dach und eigene vier Wände - das nenne ich Wiederaufbau. Das Nötigste ist wichtig. Übrigens: Es geht alles viel zu langsam. Wir könnten weiter sein. Da sehen Sie: Meine Frau, mein Junge, mein Mädel, alle helfen mit. Anders geht es nicht." Der Mann pfeift eine kleine Melodie und mauert. In vierzehn Tagen wird er fertig sein. 

Wandel des Temperaments

So sind die Wuppertaler. Sie stecken voller Ungeduld. Sie haben die Depression der Kriegsjahre und des Zusammenbruchs abgeschüttelt und stehen nun auf der Rennbahn wie eine Mannschaft ohne Starter. Sie sind bereit für das große Rennen und erwarten das Signal zum Laufen. Sie trommeln gleichsam unentwegt mit den Fingern auf der Tischkante. Eine merkwürdig, positive Nervosität hat sie erfaßt, ein ungewöhnliches Temperament voller Absichten und Pläne. Und es hat den Anschein, als sei dieser im Jahr 1946 selten zu findende Elan nicht nur eine Zeiterscheinung, sondern der Wesenskern des neuen Menschentyps, den der Krieg in dieser Wupperstadt geschaffen hat: der Wuppertaler. Denn Wuppertaler sind sie erst durch den Krieg geworden. Vorher waren sie Elberfelder und Barmer, allen amtlichen Verordnungen und aller Eingemeindungen zum Trotz. 

Damit sind die Menschen ihrer Stadt einen Schritt voraus, wobei wir mit "Stadt" die Straßen und die Häuser, die Plätze und die Gärten meinen. Wuppertal ist bislang keine Einheit gewesen. Es war ein langgestreckter Wurm von Siedlungen und Fabriken, in der Mitte schmal und an den Enden in die Breite gehend. Im Westen war Elberfeld, im Osten Barmen. Erst der Krieg mit seinen Zerstörungen hat die Gleichmacherei vollzogen, und erst jetzt hat die Stadt Wuppertal ein zentrales Verwaltungsgebäude. Das ehemalige Polizeipräsidium, ungefähr an der Nahtstelle der beiden Städte, ist zum Rathaus geworden. Alle wesentlichen Verwaltungszweige sind darin vereinigt, und auch die Militärregierung hat darin Quartier bezogen. 

Der Fluß diktiert

Es hätte sich kein besserer Name für die Großgemeinde finden lassen als Wuppertal. Alles in dieser Stadt richtet sich nach der Wupper. Alles Amtliche und alles Industrielle muß davon ausgehen, daß die Wupper eng eingeschnitten zwischen den nördlichen und südlichen Hängen des Bergischen Landes fließt. Wohin man auch fährt, was man auch unternimmt in Wuppertal - immer stößt man auf die beiden: die Wupper und das Tal. Sie bilden die Achse, um die sich alles dreht, sie sind die eigentliche Lebenslinie der Stadt. Und wenn der Kölner Ingenieur Langen vor nunmehr fast sechzig Jahren auf die Idee verfiel, das Wupperbett von einer geographischen auch in eine verkehrsmäßige Grundlinie zu verwandeln, indem er die Schwebebahn darüber baute, so schuf er damit nicht allein die unter den gegebenen Umständen zweckmäßigste Verkehrsverbindung. Er verwies damit zugleich auf die künftige Entwicklung der Wupperstädte im Zeichen von Fluß und Tal. Auf jene Entwicklung, die sich jetzt vollendet, weil jetzt ihrer Vollendung die Wege geöffnet sind. 
Das Planungsamt der Stadt hat die Entwürfe für den Wiederaufbau in großen Umrissen in den Schubladen. Es kann zwar nicht ins Blaue hineinbauen, wie die Projekte des "Dritten Reiches" es vorsehen. Es kann keine Märchensummen hinauswerfen, weil es sie nicht besitzt. Auch die Durchführung bescheidenster Pläne fordert zuvor einen kräftiges Anlaufen der Wirtschaft, für das im Augenblick keinerlei Anzeichen vorliegen. Wenn es aber mal ans Bauen geht, werden die Sünden der Vergangenheit gutgemacht werden können. Denn wie sieht es heute aus?
Erkundigen wir uns nach dem Weg zu einer Straße des Nordens. "Hier gerade aus", sagt der Verkehrsposten. "Dann rechts. Da ist eine Einbahnsstraße. Dann nach links. Das ist auch eine Einbahnstraße. Dann kommt eine Gabelung, an der Sie rechts halten müssen. Aber aufpassen. Das sind auch beides Einbahnstraßen." Einbahnpfeile und Sperrschilder, wohin wir blicken. Ein Labyrinth von Einbahnstraßen. Nur so konnte sich Wuppertal angesichts seiner verschachtelten Straßen helfen. Dabei läuft die Reichsstraße 7 als eine wichtige Ost-West-Achse mitten durch die Stadt. Im Zuge der Wupper - wie könnte es anders sein. 
Aber das sind nicht alle Bausünden der Vergangenheit. Wie Kraut und Rüben haben Fabriken und Wohnhäuser, Werkstätten und Behördengebäude durcheinandergestanden. Am schlimmsten war es beim Fluß. Am Wupperwasser lagen die grünen Bleichen, rings um die Bleichen wuchsen die ersten Industrien, die später alles Grüne zudeckten mit ihrem Rauch und ihren grauen Mauern. Mitten zwischen Wohnungen und Läden entstand das, was Wuppertal berühmt gemacht hat in der ganzen Welt: Bänder und Litzen, Kordel und Spitze, Schnürsenkel und Anzugfutter, Schirme und Strümpfe. Schon lange schrie alles nach Begradigung und Bereinigung. Nun wird dem Schrei entsprochen. Die Ruinenfelder erleichtern Durchbrüche und Verbreiterungen. Nicht Repräsentation wird der erste Gesichtspunkt sein, sondern die gesunde Entwicklung für Wirtschaft und Verkehr. Und gesundes Wohnen für die schaffensfreudigen Menschen. 
Das Wuppertal der Zukunft wird in der tiefen Tallage keine Wohnungen mehr besitzen. An der Wupper wird nur das verbleiben, was bleiben kann und bleiben muß: Verwaltungen, Behörden und jene Betriebe, die auf das Grundwasser angewiesen sind. Die Wohnviertel werden mehr als bisher an die Berghänge verlegt werden, wo sie Licht und Sonne haben. Dabei wird der Norden den Vorzug genießen, denn es gestattet die Ausnutzung der Südlage, und seine Abfälle sind weniger steil und waldreich als die des Südens. Wie die Wohnviertel, so werden die Industrieviertel geschlossen ausgesiedelt werden. Weit genug, um das städtebauliche Gesamtbild nicht zu beeinflussen, und nahe genug, um durch die Verkehrsmittel mit der Stadt eng verbunden zu sein. 
Die Voraussetzungen  für günstige Fahrtverbindungen sind gegeben. Wie kaum eine andere Stadt des Westens hat Wuppertal seine Straßenbahnen wieder betriebsfähig. Nicht einer der 117 Kilometer des Schienennetzes liegt ungenutzt, überall auf den Höhenstraßen begegnen wir den elektrischen Zügen mit den Doppelbügeln, die den Motoren Kraft für die Bergfahrt zuführen. Die Schwebebahn schwebt alle sechs Minuten über 36 Wupperbrücken zwischen Vohwinkel und Oberbarmen. 

Zukunftsmusik

Mögen die Pläne zur Auflockerung zum Teil noch auf älteren Vorhaben beruhen, völlig neu ist die Absicht, auch den engen Mittelteil des Schlauches in das neue Stadtbild einzubauen, ja ihn zum Mittelpunkt der Stadt zu machen. Was mit der Umgestaltung des Polizeipräsidiums zum Rathaus begonnen ist, wird mit der Zusammenfassung des öffentlichen Lebens fortgeführt werden. Die große Talstraße der Wupperenge wird umgeformt zur Visitenkarte der geeinten Wupperstadt,  Das bedeutet nicht, daß die Eigenart der Menschen verschwinden soll. Die Behäbigkeit der Barmer soll sich nicht vermischen mit der Beweglichkeit der Elberfelder. Der industrielle Fleiß des westfälischen Elements soll neben dem kaufmännischen Schwung des rheinischen Elements bestehen bleiben. Ihre Ergänzung erst schafft den Typ des Wuppertalers, der den Krieg überwunden hat und nun bereit ist, wieder einzusteigen in die Arbeit. 
Die stürzenden Trümmer haben die verschiedenen Temperamente nicht erschlagen können. Um 20 Uhr sieht es am Alten Markt in Barmen aus wie in einer Kleinstadt; am Turmhof in Elberfeld  trifft man sich um die Zeit zum Abendbummel. Aber die Trümmer haben die Demarkationslinie zwischen den Stadtteilen weggerissen. Aus dem lebendigen Trümmerfeld Wuppertal wird die lebendige Neuschöpfung Wuppertal erwachsen. 
Die Wuppertaler wissen das. Sie tragen dazu bei, soviel sie nur können. Sie bauen mit an der Zukunft - manchmal zwar am falschen Platz, wie der Mann mit der Kelle, aber immer bereit und zuversichtlich. "So geht es", sagte der Mann. "Anders geht es nicht."

Transkribiert nach: Klaus R. Scherpe (Hg.): In Deutschland unterwegs, Reportagen, Skizzen, Berichte 1945-1948, Stuttgart 1982.


0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen