Donnerstag, 3. Juli 2014

"Eine Veranstaltung, die in ihrer Absurdität und Skurrilität ihres gleichen sucht. " Ein Gastbeitrag zum neuen Engels-Denkmal

Aktuell wird es immer noch heiß diskutiert, das neue Friedrich-Engels-Denkmal, heute zum Beispiel in der Westdeutschen Zeitung: Engels-Statue: „Das ist weder Kunst noch ein Denkmal“. Auch die Wuppertaler Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft hat sich bereits eindeutig kritisch geäußert: 
"Eine "Ehrung" Engels vom Vertreter einer Diktatur, die mit allen Mitteln freie Meinungen unterdrückt, ist nicht nur eine allgemeine Verhöhnung der wichtigsten Werte, die für alle Menschen gleichermaßen gelten, sondern auch eine Verhöhnung eines Mannes, den man zu ehren vorgibt, der aber selbst erst durch  die Möglichkeit und Nutzung der freien Meinungsäußerung zu dem werden konnte, was er später war. Dafür würde er heute in China inhaftiert - so der Vorsitzende der Else Lasker-Schüler-Gesellschaft."
An dieser Stelle erscheint deshalb ein Gastbeitrag von Christopher Reinbothe, der sich mit der Einweihung des Denkmals auseinandersetzt:

"Engels für Wuppertal

China's Geschenk


Am Mittwoch ist in Wuppertal eine vier Meter hohe Bronzeskulptur eingeweiht worden: Ein Geschenk.

Die Volksrepublik China schenkt der Geburtsstadt von Friedrich Engels eine Plastik. Ein Abbild des großen Philosophen. Am 11. Juni war es also soweit: Großer Bahnhof für einen großen Sohn dieser Stadt. Als guter Kommunist habe ich mir natürlich frei genommen. Dieses Schauspiel wollte ich mir nicht entgehen lassen — es hat sich tatsächlich gelohnt! Eine Veranstaltung, die in ihrer Absurdität und Skurrilität ihres gleichen sucht. Deren Vielschichtigkeit in politischen, historischen und philosophischen Fragen kaum zu begreifen ist. Beginnend mit einem scheinbar überproportionalen Polizeiaufgebot und nicht einmal einer Hand voll (offensichtlicher) Demonstranten: Tibet, natürlich. Von den angekündigten Ai-Wei-Wei-Anhängern fehlte jede Spur. Zumindest habe ich niemanden gesehen. Zu sehen war allerdings ein Großteil der Wuppertaler Politprominenz — einhellig aller Couleur. Vornhingestellt: der Ober-meister Herr Jung, der sich in einer Danksagung versuchte — dabei allerdings kläglich scheiterte.
Engels schwebt über Journalisten. (c) Christopher Reinbothe

In einem von Oberflächlichkeit geprägten Geplänkel ließ er es sich nicht nehmen anzumerken, dass man Herrn Engels bei uns immer mal wieder auch »durchaus kritisch« beäugt habe und beäuge. Vor dem Hintergrund der Verhältnisse ›damals‹ wären seine Thesen wohl vertretbar gewesen, doch heute sind die Arbeitsbedingungen doch besser — ›jetzt‹ und ›hier‹ bei uns. Und obwohl offen gelassen wurde, ob die Verhältnisse ›dort‹ schlechter sind und wo genau dieses ›dort‹ denn sein sollte, trat man mit diesen spärlich verpackten Anspielungen den edlen Spendern in meinen Augen entschieden zu nah — oder nicht nah genug? Wie dem auch sei: die Delegation lächelte tapfer weiter — wie es so ihre milde Art ist. Herr Jung wollte eine Lanze für die soziale Marktwirtschaft brechen: »Es ist nicht alles schlecht! Wir brauchen diesen Engels doch bei uns gar nicht.« Es klang wie eine billige Rechtfertigung: Warum und wieso man — er! — sich nicht mit den Theorien eines Marx und Engels beschäftigen muss. Im Engelsgarten machte sich Ratlosigkeit breit: sollten die Chinesen ihre Statue wieder einpacken? Hier würde sie allem Anschein nach tatsächlich nicht benötigt.
Einen Ausweg aus der aussichtslosen Position, in die er sich (gedankenlos, unwissentlich, trotzig?) manövriert hatte, suchte er dann in der Wirtschaft und, auch wenn man sich dort mit den folgenden chinesischen Rednern traf, eigentlich ist es traurig.
Ein Friedrich Engels hat soviel mehr verdient als Plattitüden, die bezeugen, dass sich jemand — er! — noch nie mit dem außerordentlichen Leben auseinandergesetzt hat. Es war, als ob ein Blinder vom Farbfernsehen spricht. Aber was sollte man von einem wertkonservativen Politiker mehr erwarten? Er war geradezu dazu angetreten das Klischee der Ablehnung allen linken Gedankengutes zu betonieren. Doch zumindest etwas mehr Wert, wenn es denn schon konservativ sein musste, hätte ich mir gewünscht. Mehrwert. Wertschätzung: Des Geehrten, der Gäste, der Wohltäter. Von denen traten nun gleich drei an, um zu reden, aber auch hier blieb es nett oberflächlich. Wahrscheinlich auch der Sprachbarriere geschuldet, wich man immer wieder auf die sich anbahnenden Touristen und die Stärkung der guten wirtschaftlichen Beziehungen aus.

Einzig der Künstler — Prof. Dr. Zeng — wagte sich etwas weiter vor. Er betonte seinen Gruß an die Bürger und versuchte wenigstens kurz zu umreißen was den Reiz eines Engels in China ausmacht: Wahrgenommen als Universalgelehrter vergleichbar mit unseren Herren Goethe und Schiller sehen wir im Engelsgarten kein Abbild des Fabrikantensohn aus Barmen. Kein Schnappschuss aus dem bewegten Leben des Revolutionärs und Gesellschaftstheoretikers. Viel mehr steht dort ein Mythos: Ein chinesischer Siegfried. Ein bergischer Buddha. In den asiatischen Kulturen ist der Übergang zwischen realer Geschichte und fantastischer Erzählung viel fließender, als in unserem Kulturkreis. Unser penibler Wahn mühselig Realität von Fiktion zu trennen versperrt uns an dieser Stelle einen Zugang. Dieser knapp vier Meter hohe Titan ist die Geschichte eines deutschen Denkers und Revolutionärs, die gen Osten erzählt und dort weitergetragen wurde. Eine Sage für die räumliche Entfernung keine Rolle spielt, sondern die auch einem Meister Zeng als Kindheitsheld erhalten geblieben ist. Dieser alte Weise kann und will seine asiatischen Einflüsse nicht leugnen: sei es die markante Form der Augen und Wangenknochen oder sein Gewand. Engels selbst war nie in China, sein Geist — sein Abbild — ist immer dort und wird dort weitergesponnen.

Sein — durch sein Erleben im Deutschland des 19. Jahrhunderts geprägtes — Leben hat nicht nur in Europa, sondern in Asien und auf der ganzen Welt das Denken und Leben vieler anderer Menschen bis heute beeinflusst. Und auch wenn sich ein Herr Jung dagegen sträuben mag: ohne Engels und Marx und ihre Schriften wären die Arbeitsbedingungen heute hier noch lange nicht so gut. Laut der Welt ist »Historisches Bewusstsein […] das hehre Ideal, für das [Museumsleiter] Illner brennt«, vielleicht sollte er beim OB etwas Nachhilfe geben. Wenn wir Engels nicht gedenken und bewusst weiterdenken, dann werden wir in Zukunft nicht bestehen!
Denn auch wenn ein chinesisches Sprichwort besagt ›Nur großartige Orte (wie Wuppertal) können großartige Menschen (wie Engels) hervorbringen.‹ sollten wir dies nicht als gegeben hinnehmen, sondern daran arbeiten seinem Beispiel zu folgen.

(CC BY-NC-SA 3.0 DE)

1 Kommentar:

  1. Es ist traurig zu Erleben welche grosse unwissenheit herscht in der Bevelkörung . Ich wohne seit über 25 Jahren in Deutschland ( mit der Deutsche Sprache Happert es trotzdem) und seit den vierteljahrhundert musste ich mehrmals erleben das viele Bürge Wuppertals nicht mall wissen das Wuppertal (Barmen) Geburtsort von Engels ist .
    Wenn man das nicht weis ...wie sollen die Menschen wissen was Engels für die Menschen auf dem Ganzen Welt gemacht hat . Traurig ... aber war !
    Gut das wenigstens die Chinesen haben Geld und Gute wille gefunden um den grossen man und seinem Geburtsort ein Monument zu schenken ...für unsere Stadt Wuppertal war solche wertschätzung einfach zu teuer ... Traurig
    Aber vieleicht jetzt werden sich die Menschen fragen wieso Engels Alle so heist und wer Engels überhaupt war ....

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