Donnerstag, 14. Juli 2011

Tora und Textilien

Tora und Textilien, so heißt die neue Ausstellung der Begegnungsstätte Alte Synagoge. Ich habe mir heute die Zeit genommen sie zu besuchen.

Die Ausstellung beginnt im Treppenhaus und widmet sich zunächst dem Gebäude der Synagoge, dem ursprünglichen Bau, seiner Zerstörung und dem Umgang mit den Überresten. Schon an der Treppe begegnet man dem ersten von vielen kleinen Kästen an der Wand, die man aufklappen kann und soll, denn in dieser Ausstellung ist eigentlich alles zum Anfassen, Öffnen und Entdecken gedacht. In diesen weißen Kästchen mit der Aufschrift „Irgendwie jüdisch“ begegnen dem Besucher viele Mitglieder der aktuellen Gemeinde, die von sich und ihrem Glauben erzählen und damit die Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit herstellen.
Anschließend betritt man einen kleinen Korridor, der zum zentralen Raum oder vielmehr der zentralen Halle der Begegnungsstätte führt. In diesem Korridor geht es zunächst um Elemente der jüdischen Religion: Feste, Bräuche und den Kalender. Auch hier ist anfassen und entdecken erwünscht.
Anschließend gelangt man nach dem Passieren von Ansichten jüdischer Orte im Bergisch-Märkischen, in den zentralen Raum, der am Ort der ehemaligen Halle der Synagoge steht. Hier beginnt die Erzählung der Geschichte der Juden in und um Wuppertal: von den geduldeten Juden in der Zeit des Ancien Régime, über die Bedeutung von Aufklärung und Französischer Revolution für die Juden, bis hin zum Ende des prägenden 19.Jahrhunderts, an dem die jüdischen Bürger in Wuppertal fest etabliert sind, was der Bau der Synagogen in Elberfeld, Solingen, Barmen und Schwelm beweist. Darüber hinaus werden immer wieder jüdische Familien und ihre Schicksale vorgestellt. Natürlich geht es auch, wie der Titel schon verrät, um die wirtschaftlichen Aspekte jüdischen Lebens in Wuppertal.
In der Mitte des Raumes stehen Sitzbänke in exakt der Ausrichtung, in der sie in der Synagoge standen und die Pulte eröffnen einem die Geschichte hinter den Namen ihrer Besitzer. Gegenstände, Briefe und Fotografien erzählen von ihrem Leben. Zentral stehen ebenfalls die Modelle der Synagogen, die als einzige in der Ausstellung unberührbar sind.
Mit der Integration der jüdischen und christlichen Bürger in das neue Deutsche Reich endet eine Epoche und es bricht mit dem Ende des Ersten Weltkriegs eine neue an, verdeutlicht durch die sichtbare Abtrennung innerhalb des Raumes. Wurde die Ausstellung in der Halle bisher von Licht und Offenheit geprägt, geht es jetzt zwischen Wand und Abtrennung eng zu. Es beginnt der Blick auf den bergischen Anteil der Shoa. Auch hier vermögen es die Ausstellungsstücke, die sehr präzise ausgewählt sind, einen anschaulichen und in diesem Fall beklemmenden Blick in das jüdische Leben (und vor allem Sterben) zwischen 1933-1945 zu werfen. Die Ausstellung endet, sofern man im Uhrzeigersinn gegangen ist, mit der „Wiederauferstehung“ der jüdischen Gemeinde nach dem Fall der UdSSR, dem Zuzug von Juden aus dem ehemaligen Ostblock und dem Bau der neuen bergischen Synagoge.

Die Ausstellung in der Begegnungsstätte Alte Synagoge vermag durch ihre nüchterne und zugleich mit vielen Schubladen, Klappen und Schränken herausfordernde Darstellung der jüdischen Geschichte ein anschauliches Bild jüdischen Lebens in und um Wuppertal vom 18.Jahrhundert bis zur Gegenwart aufzuzeigen. Die Ausstellung drängt sich dem Besucher nicht auf, sie will nicht zwanghaft belehren, sondern sie fordert den Besucher, auf die Welt der Juden in Wuppertal in all ihren Facetten und Epochen selbst zu entdecken und zu erforschen. Die Ausstellung ist ohne Zweifel ein Gewinn für Wuppertal und mindestens einen Besuch wert.

Die Ausstellung in der Begegnungsstätte Alte Synagoge, Genügsamkeitsstraße (links der Rathaus-Galerie) hat außer montags und samstags von 14-17 Uhr geöffnet. Jeden ersten Sonntag im Monat findet um 16.00 Uhr eine öffentliche Führung statt. Der Eintritt kostet 3,00 € (1,50 € ermäßigt). 

Dank an Delia für die Erklärungen. 

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