Samstag, 15. Mai 2010

Sonderzüge in den Tod

Zurzeit findet im Alten Wartesaal des Vohwinkler Bahnhofs eine Ausstellung statt, die vom Verein Bürgerbahnhof organisiert wurde. Es ist die Ausstellung "Sonderzüge in den Tod", die sich mit der Reichsbahn und ihrer Rolle bei der Deportation der Juden im Dritten Reich beschäftigt. Gestern hatte ich die Gelegenheit an einer Führung von Michael Okroy von der Begegnungsstätte Alte Synagoge teilzunehmen. 
Die Reichsbahn war bis 1937 ein staatsnahes, aber unabhängiges Unternehmen in Form einer Aktiengesellschaft. Doch der Direktor Julius Dorpmüller betrieb schon bald nach 1933 die freiwillige "Gleichschaltung" und entfernte Gewerkschafter, Juden und andere aus dem Unternehmen. 1938 wurde die Reichsbahn zum Staatsbetrieb und Julius Dorpmüller zum Reichsverkehrsminister.
Dorpmüller war in Elberfeld geboren, die Straße Wolkenburg trug bis in die 80er Jahre seinen Namen. Er war kein Nationalsozialist, sondern Nationalkonservativer. Sein Stellverteter Wilhelm Kleinmann stammte aus Barmen.
Erste Erfahrung mit dem Transport großer Menschenmenge gewann die Reichsbahn bei "Kraft-durch-Freude"-Fahrten und den großen NSDAP-Parteitagen. Während des zweiten Weltkrieges deportierte die Reichsbahn dann ungefähr 3 Millionen Juden in den Osten. (1933 lebten ungefähr 500.000 Deutsche jüdischen Glaubens im Reich). Ein Deportationszug, der beim Referat für Sonderzüge angefordert wurde, umfasste in der Regel um die 1000 Personen, für die die Reichsbahn pro Person einen Fahrschein der dritten Klasse mit 50% Ermäßigung der GeStaPo in Rechnung stellte. Die Geheime Staatspolizei ihrerseits holte sich das Geld von den Deportierten wieder.
Um möglichst effizient zu arbeiten und möglichst wenig Leerfahrten zu verursachen, erstellte man bei der Reichsbahn Umlaufpläne, in denen die Züge zwischen den Städten, Konzentrationslager, Arbeitslagern und auch Militärstandorten pendelten.
Aus Wuppertal gingen vier Transporte mit den 800 Juden der Stadt ab. Dafür wurden von der jüdischen Gemeinde im Auftrag der Gestapo Hinweise und Instruktionen erteilt, Vermögenslisten mussten erstellt werden. Die Gestapo versprach die Fahrt "nur" in ein Arbeitslager, von wo aus man die Auswanderung planen können. Das waren leere Versprechungen. Die Reichsbahndirektion Wuppertal ließ dann an einen normalen Personenzug Hagen-Düsseldorf zwei normale Personenwagen und einen Gepäckwagen anhängen. Die erste Etappe führte nach Düsseldorf Derendorf, wo einmal übernachtet wurde. Dann gingen die Transporte in normalen Personenwagen nach Osten, wie zum Beispiel die Fahrt von Da 52 am 22.April 1942 nach Trawniki, die in der Ausstellung nachgezeichnet wird. "Da" stand für deutsche Aussiedler und war eine der zahlreichen euphemistischen Bezeichnungen der Nationalsozialisten. "Da" hieß immer, dass eine Sonderzug mit Juden in den Tod unterwegs war.
Von den vier Wuppertaler Deportationen nach Litzmannstadt (Lodz), Izbica, Theresienstadt und Minsk kehrten von den erste drei Transporten niemand mehr zurück.

Die Reichsbahn wurde nach dem Krieg nicht für ihre Tätigkeiten bestraft. Einzig gegen den Nachfolger von Wilhelm Kleinmann, Albert Ganzenmüller wurde ermittelt, doch der Prozess kam in den 70er wegen Verhandlungsunfähigkeit nicht zu Stande. Ganzmüller starb 1996. 
Alle anderen wurde als Mitläufer eingestuft, Julius Dorpmüller half bis zu seinem Tode im Juli 1945 noch beim Wiederaufbau der Reichsbahn in der Britischen Besatzungszone.

Die Ausstellung Sonderzüge in den Tod ist noch bis zum 21.Mai im Alten Wartesaal im Bahnhof Vohwinkel zu sehen. 
Mo-Do: 09:00 - 18:00 Uhr, Fr.09:00 - 20:00, Sa: 10:00 - 15:00
Der Eintritt ist frei.

Eine weitere Führung mit Michael Okroy findet am Dienstag, 18.Mai um 17:00 Uhr statt, es wird um einen Obolus von 4 Euro gebeten.

Kommentare:

  1. Es ist schrecklich wenn man zurück denkt aber die Vergangenheit kann man nicht zurück drehen. Umso wertvoller finde ich, das an diesen Menschen gedacht wird.

    LG Katja

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  2. Die Bahn hat nicht viel gelernt, auch heute noch werden Juden mit dem Tod bedroht und die Bahn-AG unternimmt nichts dagegen.

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